Einsatz Karditsa Sarah Fuchs

Abenteuer Karditsa

Nachdem ich mich jetzt 4 Tage erfolgreich gedrückt habe, alle meine Gedanken und Gefühle bezüglich Karditsa noch mal durchzugehen, muss ich dann jetzt wohl doch mal ran.

Ich habe mich vor einem Jahr für einen griechischen Straßenhund entschieden, weil es mich nicht mehr losgelassen hat, wie schlimm und grausam die Verhältnisse und die Umgangsformen in Griechenland mit den Hunden dort sind. Umso mehr man sich damit beschäftigt hat, umso mehr Bezug bekam ich zu den Tieren und den Helfern vor Ort und den Drang helfen zu wollen. TING-süchtig habe ich am PC schon einige Tränen kullern lassen.

Aber „nur“ einen Hund zu retten reichte mir dann irgendwie doch wohl nicht. Somit stand ich am Donnerstag um 11:30 Uhr nun mit einer Horde Schmetterlingen in meinem Bauch und meiner kleinen Familie, auf das Schlimmste vorbereitet, am Flughafen in Düsseldorf.

In der Hoffnung, dass die Verabschiedung von meinen 17 Monate alten Sohn das Schlimmste an dieser „Mission“ bleiben würde, stiegen wir also in den Flieger.

Die lange Fahrt vom Flughafen nach Karditsa machte einem insofern nichts aus, dass man noch voller Spannung auf all das Kommende war. Erschreckend fand ich die Vorstellung, dass Evi diese Tour sonst wohl mit einem Auto voll Hunde und vor allem ALLEIN macht, wenn sie die Hunde zum Flughafen in ein neues Leben fährt. Der tote Hund am Straßenrand und die lebenden Streuner führten uns langsam aber Sicher in die „Welt der Griechen“ ein.
Nachdem wir es uns bei einem gemütlichen Abendessen noch mal haben gut gehen lassen, fragte uns Evi, ob wir Lust hätten einige Ihrer Hunde kennenzulernen. Was für eine Frage! Das Resultat daraus, waren allerdings dann 5 Welpen mit abgeschnittenen Ohren! 


Wusstet ihr, dass das gegen den Teufel und Tollwut hilft? Hm…an den Teufel glaube ich nicht und gegen Tollwut habe ich immer Impfen lassen…hab ich wohl was falsch gemacht…! UNGLAUBLICH!!! Mag mir gar nicht vorstellen WIE sie abgeschnitten wurden.

Nächste Futterstelle: Wieder Welpen…diesmal gibt es aber zum Glück eine säugende Mutter! Erschreckend fand ich auch, zu sehen, wie ein absolut liebevoller Rüde hin und hergerissen aus total überschlagender Freude und brutaler Angst, versuchte Streicheleinheiten zu erhaschen. Das habe ich noch nicht gesehen. Seine Hinterbeine drängten ihn aus Sehnsucht nach Zuneigung nach vorn, während seine Vorderbeine aus Angst erstarrten…



Die Nacht kaum geschlafen, ging es morgens ab zum Bürgermeister. Ich muss zugeben, ich bin sehr voreingenommen in diesen Termin gewandert. Erst fand ich beide, den Bürgermeister und seinen Mitarbeiter sehr hochnäsig. Aber eins muss man ihnen lassen. Der Bürgermeister hörte wieder Erwarten sehr aufmerksam und interessiert zu. Zumindest sah es so aus. Hab ja leider nichts verstanden. Um so länger das Gespräch verlief, um so entspannter wurde die Stimmung. Zum Schluss haben wir alle zusammen gelacht und ich bin mit einem wirklich guten Gefühl und voller Freude, dass Evi endlich geholfen wird, aus dem Haus raus.
Er hat ehrlich zugegeben, dass es ein schwieriger Weg wird, aber dass er interessiert ist. Er hat fairer Weise darauf hingewiesen, dass es sich in kleinen Schritten verändern wird. Und das ist für mich ein Zeichen, dass alles gut wird! Haben ihm gedroht, dass wir das in einem Jahr kontrollieren kommen! Ich weiß nicht, ob ihm bewusst ist, dass wir das Ernst meinen :o))

Nächster Punkt: Tierheim. Eeeeeeeeeeeendlich dürfen wir mit anpacken. Hochmotiviert durch das bereits Erlebte, wird unser Tatendrang allerdings noch mal unterbrochen. Evi hat einen Anruf erhalten, dass ein kleiner Welpe ausgesetzt wurde. Wir haben die kleine Emma (so hat Jenny, unser Adlerauge, die Kleine getauft) in einem abschüssigen Flüsschen gefunden. Dort saß sie ganz allein im kalten Nass und kaum zu sehen.



Wieder um ein kleines Findelkind reicher starteten wir nun den Weg zu Evis Arbeitsstelle und dem Zuhause von ca. 40 Hunden. Ich sage euch, das war Gänsehaut pur. Hunde, die uns noch nie gesehen haben…und wir als normalerweise Eindringlinge…wurden freundlich begrüßt und direkt begann die Buhlerei um Streicheleinheiten. Auch das Gelände selber zu betreten, war überhaupt kein Problem. Extrem ist mir aufgefallen, dass die Hunde sehr gut beobachten. Zeigst du dich freundlich und nur ein mutiger schafft es, sein Misstrauen beiseite zu schieben, ist man ganz schnell von einer Horde von Hunden umgeben, die sich gegenseitig wegdrängen um die meisten Kuscheleinheiten zu bekommen. DAS war für mich ein schwerer Moment. Gern hätte ich an mindestens 4ren mein Herz verschenkt. Nikitis, Samira, Sunny und ich glaube Buddy war sein Name.



Die Spenden eingeladen geht es ins Tierheim. Eine weitere Gänsehauterfahreung: Die Hunde sehen unser Auto…keine Reaktion…Die Hunde sehen/hören Evis Auto…die Eskorte geht los. Alle Straßenhunde setzen sich in Bewegung und folgen Evi….

Ankunft Tierheim: Eeeeeeeeeeeeeenldich anpacken!! Als Erstes: Spenden ausladen…umladen…wegladen…




Die Tierheimbegrüßeung war freundlich, aufgeschlossen und neugierig.



Dann nahmen wir Frauen uns die „Mission Küche“ vor. Ich muss euch sagen, ich habe in meinem Leben noch nicht solch einen Dreck gesehen. Arme Evi! Dieses Problem bekommt man, selbst, wenn man sich jeden Tag dran gibt, ALLEINE NIEMALS in den Griff ;o( Durch den ganzen Schlamm und Dreck, in dem die Tiere draußen stehen müssen, hat man diesen auch im Haus! Zu unserer Überraschung stellten wir fest, dass im Vorraum, in dem einige Betten aufgestellt wurden, ein wunderschöner Steinboden lag. Am ersten Tag vom groben Schmutz befreit, sah man aber am 2. leider schon wieder nichts mehr davon :o(
Das nächste Problem sind die Mäuse und Ratten, die sich, den Hinterlassenschaften nach, mit der gesamten griechischen Rattenpopulation dort häuslich eingerichtet zu haben schienen. Auch hier wahrscheinlich ein Kampf gegen Windmühlen. Sehr wahrscheinlich können wir in einem Jahr die gleiche Arbeit erneut verrichten.
Zudem besteht das Problem, dass sich der Wassertank auf dem Flachdach des Hauses befindet. Auch hier ein riesiges Problem, denn in den sowieso schon feuchten Jahreszeiten, läuft dieser stets über und flutet das gesamte Dach und Außenwände des Hauses mit Wasser. Das Ergebnis war von Innen sehr gut zu sehen. Ich gehe davon aus, dass es sich bei den verdreckten Wänden nicht nur um Schmutz handelte.
Zudem besteht das Haus nicht komplett aus Steinen, sondern Teils auch aus Holz, welches, wie ihr euch vorstellen könnt, mittlerweile teils Marode ist. Hier wäre eine Versiegelung sicher sinnvoll. Auch muss unbedingt eine neue Toilette angeschafft werden und die Spülung, sowie der Wasserfluss (nicht alle Wasserhähne hatten Wasser) repariert werden. Ihr denkt an heißes Wasser? Jup, DAS fehlt auch!…
Zudem hätten wir die Küchenmöbel eigentlich mit auf den Sperrmüllhaufen stellen müssen. Die Ratten und Mäuse haben wirklich gute Arbeit geleistet und irgendwelche Elektrogeräte zu benutzen, fand ich mehr als lebensbedrohlich! Besonders, wenn ich daran denke, dass es von oben tropft…

Stark angrenzend an modernen Design war die Lampe in der Küche…selbst die Schwalben fühlen sich bei Evi behütet und wie Zuhause :o))



Die „ausgeliehenen Männer“ waren ein Traum. Man konnte gar nicht so schnell gucken, wie die Männer, die kurz ausgesprochenen Ideen umgesetzt bekamen ;o) Von der Reparatur der eingebrochenen Sitzbank, den sehr modernen Kleiderharken, Reparatur sämtlicher Schränke, dem fachmännischen Entfernen einer „Suizid-Maus aus der Steckdose“, Schuttbeseitigung, dem Aufbauen der neuen Hundehäuser, Palettenverteilung gegen nasse Hundepfoten, Planenverteilung um alle Hundedomizile wasserdicht zu bekommen, Schaffung eines neuen Vordaches und und und….also ICH bin Zeuge, dass alle mit Blasen an den Händen nach Hause gefahren sind. Selbst vorm Putzen haben Sie keinen Halt gemacht.

Unsere gesamten Tätigkeiten wurden seeeehr neugierig von den Fellnasen beobachtet und ich denke, auch untereinander kommentiert. Aber es sah so aus, als hätten wir alles richtig gemacht, denn die schönste Belohnung für all unsere Arbeit, war für mich zu sehen, wie die Hunde bereits Schlange standen, als wir die neuen Bettchen herrichteten. Kaum fertig bezogen lag in jedem Bett ein Fellkneuel und blickte mich mit treuen und dankbaren Hundeaugen an! Dass allein war schon die ganze Reise wert!!!



Müde vom ersten und langen Arbeitstag fuhren wir noch zu einem Notfall. Evi bekam einen Anruf, dass eine Hündin angefahren wurde. Wir fanden sie leblos neben der Straße im Gras liegend. Das Einzige, was sich noch bewegte, war ihr schwacher Atem. Sie lag da mit einem offenem Bruch und ich mochte mir nicht weiter vorstellen, was sonst noch…So schlimm das auch war….aber wenigstens hatte jemand angerufen!!

Der 2. Tag begann wieder mit einer Gänsehaut und einem Kloß im Hals. Am Vortag wurden wir zwar freundlich aber noch verhalten begrüßt…am 2. Tag allerdings gab es ein großes freudiges Durcheinander, als wir die Arbeit antraten. Überall freudige Hundekneule um einen herum. Tatsache…sie freuten sich über unser Erscheinen, weil sie uns bereits kannten.
An diesem Tag stand der 2. Lagerraum an. Alle Spenden raus, Rattenfamilie samt Hausrat raus, alles blitzeblank gemacht und alles wieder liebevoll rein. Eins-zwei-….-dreihundert….ein weiterer wunderschöner Raum ;o)
Ich denke, ihr könnte euch in etwa vorstellen, wie dreckig alles war, wenn ich euch sage, dass wir auch am 2. Tag noch mit der Küche beschäftigt waren. An dieser Stelle möchte ich noch mal erwähnen, dass Evi (zum Glück) die Versorgung der Hunde neben Ihrem Job und Nebenjob an erster Stelle steht. Putzen ist bei der Situation vor Ort so was von nebensächlich und ganz im Ernst, auch überhaupt gar nicht zu bewerkstelligen! Alle Hundebettchen, die wir am Vortag neu hergerichtet hatten, waren bereits wieder so verdreckt und feucht, dass man sie eigentlich täglich herrichten müsste….Also Leute, her mit den Decken, Kissen, Betten etc. :o)

Die restliche Entrümpellung der Schuppen stand an. Ich kann leider nicht sagen, wie viele Schubkarren wir durch den Matsch geschoben haben…aber es waren seeeehr viele.
Die nächsten großen Baustellen sind das Katzenhaus und die Anlage für die Ziegen, den Esel und das Pony.
Das Katzenhaus ist für die Samtpfoten der Tot auf Socken. Alles nass, kalt und klamm. Für Frösche wäre diese Anlage super. 1/3 der Anlage stand ca 30cm unter Wasser. Auch hier haben wir notdürftig Planen gespannt um wenigstens halbwegs trockene Schlafstellen zu schaffen. Leider hatten sich die Ratten auch über den einzigen Kratzbaum hergemacht, so dass dieser nicht mehr zu verwenden war. Hier werden unbedingt neue Utensilien benötigt
.
Die Ziegen, der Esel und das Pony versinken ebenfalls im Matsch. Auf Grund der dauernden Feuchtigkeit würde ein deutscher Hufschmied sicherlich in Ohnmacht fallen. Die Tiere haben zwar eine große Wiesenfläche, aber leider steht auch hier alles unter Wasser.



Wir haben in den vergangen Tagen rieeesig viel bewegt. Trotz Kommunikationsproblemen mit Evi konnte man es in Ihren Augen ablesen. Dennoch war diese Zeit vieel zu wenig und unsere Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Dann kam der Abschied: Wieder ein schwerer Moment. So schnell wie wir gekommen waren, so schnell müssen wir auch wieder fahren. Aber selbst, wenn wir eine Woche geblieben wären, dann hätten wir nicht alles geschafft bekommen. Man kämpft gegen Windmühlen und kann nur das Beste draus machen.

Was ich gelernt habe? Das Glück, einen tatsächlichen Engel kennengelernt zu haben. Eine Frau, die Ihr Leben den Hunden vor Ort opfert und manchmal selbst dabei auf der Strecke bleibt. EVI, DU BIST DIE BESTE!
Was ich noch gelernt habe? Dass Tiere doch die besseren Menschen sind! Dass sie einem trotz unglaublich schlechter Erfahrungen, doch irgendwann immer noch eine Chance geben und dazu noch in der Lage sind, ihr Herz zu verschenken.




Mit einem lachenden Auge (die Freude auf meine Familie und das Glück in Deutschland zu leben) und einem weinenden Auge (Evi nun mit all dem wieder allein zu lassen) ging es am Sonntag Morgen wieder Richtung Heimat.

Ob die Reise meine schlimmsten Befürchtungen entsprochen hat? Zum Glück nein. Aber auch nur aus dem Grund, dass wir tatkräftig unterstützen und ganz viel bewegen durften. Wenn wir nur zum „gucken“ gekommen wären, hätte ich diese Frage mit einem großen „JA“ beantwortet!!!

Aber eins steht fest Evi,….ICH komme auf jeden Fall wieder!!!

Deine Sarah