Frieda die Seherin

Man ahnt man ihren aufmerksamen Blick.

Ihr ganzer abgesenkter Körper sagt: „Ich sehe alles, ich habe Angst!“ Ihre Augen sind, für mich unsichtbar, in zwei schwarz gefüllte Ovale versenkt. Ich vermute, dass sie ebenfalls schwarz sind. Ihr schwarzweiß geschecktes Gesicht sieht geheimnisvoll aus, wissend und von einer viel zu alten Traurigkeit für zwei Hundejahre. Trotz ihrer Angst strahlt sie eine große Würde aus. Ich sah in Russland ein wildes Pferd mit ebenso einem Ausdruck: scheu und stolz.
Obwohl ich ihre Augen nicht sehe, trifft mich das Foto Friedas durch das All des Internets mitten ins Herz. 

Ich telefoniere mit Susanne Löttgen in Duisburg vom Verein „Tiere in Not in Griechenland“. Sie hat die Hündin bereits kennen gelernt und auf die deutsche Website gestellt, auf der die griechischen Hunde für eine Patenschaft, oder zur Vermittlung vorgestellt werden. Hunde, die sonst keine Chance mehr haben.
„Was braucht Frieda?“ frage ich.
„Geduld! Sie kennt nichts. Sie wurde als Welpe in einer Tüte an das griechische Tierheim gehängt und lebt seitdem dort mit 120 Hunden zusammen. Sie ist nicht stubenrein, kennt keine Umweltreize und auch Menschen nicht näher.“ erzählt sie mir. 

Nach meiner langen, ereignisreichen Suche nach einem Zweithund aus Deutschland, muss ich mich nun in eine Griechin verlieben, denke ich.
Mit großer Freundlichkeit und Kompetenz begleitet Susanne Löttgen mich in all den aufgeregten Wochen der Erwartung auf Frieda.
Kurz vor der Abfahrt des Hundetransportes aus Griechenland, bekomme ich eine letzte Mail, in der sie mich noch einmal fragt, ob ich tatsächlich für alles bereit bin. Eine Vorkontrolle war bereits in meiner Wohnung, die Hundesofas für Frieda stehen bereit und mich erwischt wie vor einer Hochzeit ein kleiner Angstkoller.
Mir fällt eine menschliche Internetbekanntschaft ein, in die ich mich nach dem Foto verguckt hatte. Beim persönlichen Treffen stand mir ein völlig anderer Mensch gegenüber, den ich nicht im Geringsten mochte.
Aber es geht hier ja um einen Hund, fällt es mir Gott sei Dank wieder ein.
Hunde verstellen sich auf Fotos nicht, stellen sich nicht dar, wie sie gesehen werden möchten. Mein Vertrauen in meine Entscheidung kehrt zurück und die Vorfreude wächst von diesem Moment an stündlich.

Viktor* genießt die Streicheleinheiten vor meiner Abfahrt nach Düsseldorf.
„Bald sind wir zu dritt,“ sage ich verheißungsvoll und ahne, dass Viktor, würde er dies verstehen, fragen würde: Muss das sein. Es läuft doch wunderbar zu zweit. Wieso soll ich jetzt im hohen Alter alles teilen?
Obwohl Viktor nicht daran denkt, sich in den meisten Bereichen altersgerecht zu verhalten, ist sein Interesse an Hunden nun erloschen. Seine Freundin, Zilla, die ihn weiterhin bei jedem Treffen zum Spiel auffordert, wird formvollendet ignoriert. Dennoch informiert Viktor mit großer Gründlichkeit bei jedem Gassigang die Damen und Herren der Hundewelt von seiner noch wackeren Existenz. Mitunter hebt er das Bein dazu so hoch, dass er umkippt, weil sein Stand auf drei Beinen doch instabil geworden ist.
„Ich verspreche dir, dass du deine Ruhe haben wirst, wie bisher und wir weiter all die Sachen machen, die du so gern magst.“ sage ich und lasse Viktor in der Betreuung einer Freundin in Berlin zurück, um Frieda in Düseldorf abzuholen.

Ein Grund für meinen Wunsch nach zumindest einem weiteren Hund ist die Erinnerung an das Leben mit einem zehnköpfigen Rudel. Ich lebte einige Jahre in Russland mit vielen Hunden und habe es bis heute schwer, mich an die städtische Kleinausgabe eines Rudels zu gewöhnen, obwohl ich natürlich einsehe, dass die Großstadt keine Möglichkeiten für Großrudelhaltungen bietet. Außerdem erhoffe ich mir durch die Anwesenheit eines weiteren Hundes, neuen Schwung für Viktor. Dass er nicht durch Spielaufforderungen geplagt wird, ist einfach meine Aufgabe, der neuen Hündin zu zeigen.

In einem Ort bei Düsseldorf komme ich in das Haus einer Vereinsfrau des Tierschutzes. Durch die Milchglasscheibe des Flures sehe ich viele, gerade aus Griechenland angekommene, Hunde. Trotz des dicken, trüben Glases erkenne ich den schwarzweiß gescheckten Kopf Friedas sofort. Mir ist klar, dass sich Frieda nicht freuen wird, wie ich mich freue, weil sie gar nicht weiß, wer ich bin und was ihr ohne ihre gewohnte Umgebung bevorsteht.

Ich öffne die Tür und sechs Hunde laufen mir erwartungsvoll entgegen. Frieda bleibt mit abgesenkter Kopfhaltung stehen und sieht mich nur kurz an. Sie sieht genau aus, wie auf den Fotos, nur schöner.
Ich bin sprachlos, so wunderbar finde ich sie. Sie hat ganz helle bernsteinfarbene Augen in zwei schwarzen Gesichtsflecken und trotz ihrer ängstlichen Angespanntheit, ist unübersehbar, wie wach und intelligent sie ist. Sie wirkt paralysiert und ihr Schwanzwedeln, als ich sie sanft streichle, drückt eher eine starke Beschwichtigung, ihr nichts Böses zu tun aus, als Freude über die Berührung.
Sie hat ein dickes Eisbärenfell, das vom dichten Unterfell völlig verklebt und zu großen einzelnen Stücken verpappt ist. Besonders an ihren Hinterbeinen wirft sich das Fell fächerartig auf. Frieda ähnelt einer Dame mit sehr breiten Hüften und ganz schmalen Schultern. Sie ist stark verschmutzt und hat um den sonst weißen Hals eine seltsam gelbe Fellfarbe.
Sie ist, Dank der Hilfe der Tierschützer, gut genährt, hat jedoch kaum Muskeln und fühlt sich weich und schlaff an.

Ich unterschreibe einen Patenschaftsvertrag und kann mich nun innerhalb von 14 Tagen entscheiden, ob ich Patin bleibe, oder Frieda behalten möchte. Susanne Löttgen hat offenbar auch ihr Herz an Frieda verloren, denn sie hockt zum Abschied sehr bewegt und innig neben ihr und ich spüre, dass beide eine starke Verbindung zueinander haben.

Jetzt beginnt, wozu ich alle Entschlossenheit brauche und worauf ich mich vorbereitet habe. Frieda muss wieder in ein anderes, unser Auto steigen und an einem noch nie getragenen Geschirr und Halsband an einer Leine laufen. Sie legt sich im Auto sofort mit dem Rücken zu uns auf die Rückbank.

Wir machen Rast in Hannover, weil wir einen kleinen, weißen Welpen aus Griechenland an ein älteres Paar übergeben, deren Auto kaputt ist. Der Welpe schlief drei Stunden völlig entspannt auf meinem Schoß, kämpfte ergebnislos mit dem Steuerknüppel, dessen Ende nicht in sein Mäulchen passte und wählte dann Staubflusen als Jagdobjekte. Es ist der erste Welpe, den ich je sah, der aussieht wie ein winziges Großväterchen. Alles an ihm ist seltsam verstrubbelt und verhutzelt. Sein Schwänzchen ähnelt einem aufgerichteten Wurm mit einzeln abstehenden Haaren. Er ist ein selbstbewusstes, putziges kleines Kerlchen, dessen Urvertrauen noch nicht verloren ging.

In Hannover winkt eine große, korpulente Frau und reißt die Beifahrertür auf, als wir vor ihr halten. Sie hat Tränen in den Augen und schreit mit sehr tiefer Stimme: „OHHHHH, mein Baby!“ worauf sie sich über den kleinen Babygroßvater beugt und ihn an sich reißt. Der Welpe beginnt sofort zu zittern, worauf die Frau besorgt ruft: „OHHHHHHHHHHH, er friiiert!“ und der Hund noch mehr zittert.
Ich bin jedoch ganz sicher, dass sich der kleine Kerl sehr schnell an die Lautstärke gewöhnen und bereits am Abend mit seinem Charme und Selbstbewusstsein, das neue Rudel dirigieren wird.

Frieda bewegt sich in den folgenden sieben Stunden nicht ein einziges Mal, obwohl sie nicht schläft.
Sie tut mir unendlich leid. Ihre Rückenfront demonstriert deutlich den Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Jedes gute Zureden käme einer Belästigung gleich.
Ich bespreche mit der Freundin, die fährt, das Baden des Hundes. Susanne Löttgen empfahl mir, Frieda sofort nach der Anreise zu reinigen, bevor sie beginnt, Vertrauen zu fassen. Den Schock nutzend, gleich noch das unvermeidliche Wannenbad, um zwei Jahre Dreck auszuwaschen, das steht Frieda noch bevor. 

Bereits der Gang in meinen Berliner Hinterhof erweist sich als Albtraum für Frieda. Sie muss durch drei riesige, quietschende Hoftüren und hat Panik vor diesen Ungetümen. Ich habe vorher nie bemerkt, dass die Türen quietschen.
Ich öffne meine Wohnungstür und erwarte, dass Viktor mir freudig entgegen kommt. Schon oft hatten wir Besuch von Hunden. Wenn es Hundedamen sind, werden sie von Viktor höflich ignoriert, bei Hundeherren entscheidet, wie höflich diese sind, darüber ob sie erwünscht sind oder nicht.
Er steht jetzt jedoch bewegungslos im Flur und hält den Kopf schief. Es sieht aus, als lausche er angespannt. Auch ohne seine Taubheit hätte sein Lauschen nicht viel Zweck, da Frieda im Hausflur nicht ein einziges Geräusch macht und wie angewachsen dasteht.
Viktors Nase bleibt völlig unbewegt. Er unternimmt nicht einmal den Versuch, Frieda zu erschnüffeln, sondern scheint mit anderen Sinnen die Situation zu erfassen.
Er geht, ohne mich zu beachten, hinaus in das Treppenhaus und starrt blind in Friedas Richtung. Er hat dabei eine Haltung, die ich noch nie an ihm gesehen habe. Eine gewisse Irritation ist an ihm zu spüren. Ich bin mir sicher, dass er weiß, dass dieser neue Hund nicht mehr geht.
Gott sein Dank nimmt er in der Wohnung sofort einen ihm angebotenen Knochen und beginnt, zufrieden zu kauen.
Wir baden die verstörte Frieda und befürchten, dass sie sich danach ganz verkriecht. Aber etwas anderes geschieht. Die Brause ist zugedreht, der Hund ist abgetrocknet, ich hebe sie auf den Badboden und denke: So das war`s. Ab jetzt passieren nur noch schöne Dinge.
Ich zeige ihr ein Hundebett, das zum Trocknen mit Handtüchern ausgelegt ist und in Zukunft ihr gehört. Sie springt hinein, als wäre das schon immer ihr Platz, schnappt sich den angebotenen Knochen und kaut mit leuchtenden Augen auf dem neuen Objekt herum.
Drei Stunden nachdem wir schlafen gegangen sind, erwache ich und schaue nach Frieda. Sie legt sich sofort auf den Rücken und wedelt mit dem Schwanz. Ich lege mich voll Freude neben sie auf den Boden. Friedas Augen weiten sich vor Schreck und sie hechelt sofort. Ich schlage mir innerlich vor den Kopf, weil ich bemerke, wie sehr ich sie mit dieser plötzlichen Nähe ängstige und gehe wieder schlafen.

Am Morgen begrüßen mich zwei ausgewechselte Hunde. Einer, der beschlossen hat, Frieda zu ignorieren und sein Leben einfach weiter zu führen und einer, der Neues wagt.
Viktor schmust, Frieda hüpft, tollt mit einem Plüschtier und schmust.

Erst als ich Frieda anleine, geht ihr Schwanz wieder nach unten und ihr Kopf duckt sich in Erwartung des unbekannten Vorhabens. Wir gehen das erste Mal zum Gassigang auf den Arnimplatz im Prenzlauer Berg. Ich laufe dabei wie auf glühenden Kohlen, denn Frieda stemmt alle vier Pfoten in das Pflaster und will keinen Millimeter in diese unbekannte Welt gehen.
Ich schleife sie hinter mir her wie eine Tierquälerin und fühle mich auch so, obwohl ich durch meine langjährige Arbeit als Verhaltenstherapeutin für Hunde weiß, dass es keine Alternative gibt. Ein so ängstliches Tier wird niemals allein zu sich sagen, ach was, jetzt laufe ich einfach mal ohne Angst los.
Ohne eine gute Führung, die zeigt, dass alles in Ordnung ist, wendet der Hund diese Taktik immer wieder an. Würde ich auch stehen bleiben, würde ich Frieda damit sagen: „Stimmt, Gefahr im Verzug! Ich habe genau solche Angst wie du.“ Dann stehen zwei Angsthasen im unheimlichen Dschungel der Großstadt.
Ich stelle mir vor, ich würde entführt von einer Elefantenkuh und lande in der Savanne. Dort sehe ich in der Dämmerung Schatten, die sich bewegen, höre Geräusche, die ich nicht zuordnen kann. Ich erstarre, schaue zu der Elefantenkuh, um zu sehen, wie sie das Ganze aufnimmt. Diese stoppt ebenfalls und blickt zwischen dem, was ich als Gefahr wahrnehme und mir hin und her. Ich würde annehmen, dass ich besonders in Gefahr oder für die Gefahr zuständig bin. Auf keinen Fall hätte ich das Gefühl, es wäre gar keine Gefahr vorhanden.
Würde die Elefantenkuh jedoch einfach weiter laufen und auf das, was ich wahrgenommen habe, gleichmütig reagieren, wäre ich, ehrlich gesagt, sehr erleichtert.

Ich gehe jetzt also als tapfere Elefantenkuh zum Arnimplatz und zerre Frieda hinter mir her, ohne stehen zu bleiben. Tatsächlich beginnt sie bereits nach dreihundert Metern zu laufen, weicht jedoch panisch zurück, sobald uns ein Mensch oder Hund entgegen kommt.
Im Falle der Menschen denke ich mir: „Prima, jeder Mensch, den wir ab jetzt treffen, ist ein Therapeut, weil er Frieda zeigt, dass nichts passiert.“
Dieser Gedanke hilft mir, um nicht in das Angstgefühl Friedas hineinzugeraten.
Unangeleinte Hunde, die sich der sofort schreienden Frieda stürmisch nähern wollen, schicke ich energisch weg, um Frieda zu zeigen, dass sie sich auf mich verlassen kann und ich in der Lage bin, Situationen konfliktfrei zu lösen. Mir ist wichtig, dass sie bei allen Dingen, die sie in Angst versetzen, deutlich meinen Schutz spürt. Nicht meinen Trost!

Ihre Angst in den ersten zwei Wochen ist draußen so groß, dass sie dort weder groß noch klein machen kann. Dazu braucht es meine ruhige Wohnstube und einen Busch im Hinterhof.
Es darf jedoch niemand zusehen, sonst kann Frieda auch dort nicht.
Wenn ich spüre, dass sie den Busch im Hof aufsuchen will, bleibe ich in meinem Hausflur stehen und warte, bis sie wieder auftaucht.
Selbst wenn der blinde Viktor aus Versehen in den Hof tapert, kann Frieda nicht.
So warten Viktor und ich gemeinsam brav im Hausflur.
Friedas Hauptbeschäftigung in den ersten Tagen ist die Ergründung des Wesens, das erscheint, wenn sie in den Standspiegel im Wohnzimmer schaut. Sie geht nie dort entlang, ohne zu verharren und sich tief in die Augen zu blicken. Die Bewunderung des Wesens, das sie da im Spiegel sieht, kann fünf Minuten dauern. Auch andere Gegenstände in der Wohnung werden nach eingehender Beschnüffelung noch genau betrachtet. Frieda geht tatsächlich umher und schaut sich Wandgestaltungen, gefüllte Regale und Tischdekorationen an.

Am dritten Morgen komme ich nackt aus dem Badezimmer und Frieda springt wie von der Tarantel gestochen mit einem Bocksprung zur Seite. Sie gibt dabei ein krähenhaftes Geräusch von sich, das sich später noch als ihr ureigener Warnlaut herausstellen wird.
Erst beim Klang meiner Stimme erkennt sie mich und kommt vorsichtig auf mich zu. Sie berührt mit der Nase vorsichtig verschiedene Körperpartien und ihre Verwunderung über meine Verwandlung scheint grenzenlos. Ich habe vorher noch nie darüber nachgedacht, wie seltsam unser täglicher „Fellwechsel“ für einen Hund sein muss. Ganz zu schweigen von unserer Fähigkeit, dieses Fell ganz abzuwerfen.
Als ich eine Zehe bewege, springt Frieda wieder hoch in die Luft, diesmal jedoch, um im berühmten Mäuselsprung auf meinen Zehen zu landen und hineinzuzwicken. Offenbar hält sie diese für äußerst seltene Tiere.
Ich gebe einen Schmerzlaut von mir und Frieda blickt mich erstaunt an. Dass diese Tiere etwas mit mir zu tun haben, muss sie erst verdauen.

Nach einer Woche beginnt sie, Menschen auf der Straße erstaunt hinterher zu sehen. Wäre sie ein Mensch, hätte sie sicher den Mund sperrangelweit offen. Dass niemand sie beachtet, scheint für Frieda ein Mysterium zu sein, da sie in ihrer Angst ständig Angriffe fürchtet.
Nach vierzehn Tagen macht Frieda das erste Pfützchen am Arnimplatz. Ich lobe sie wie nach einer Goldmedallie bei der Olympiade. Auch bewedelt sie jetzt vorsichtig Menschen, die wir täglich treffen.
Ich beginne, andere Hunde zu streicheln, um der hinter mir verborgenen Frieda zu zeigen, dass die Berliner Hunde einfach nur eine andere Art zu kommunizieren haben, wie offenbar im Tierheim in Griechenland. Die meisten sind einfach wie Berliner. Oft wird erst gemeckert und dann gefragt, worum es eigentlich geht. Frieda beginnt sich vorsichtig an meinem Arm entlang auf die fremden Hunde hinzubewegen und an ihnen Hunden zu schnuppern.
Als wir einen Welpen treffen, verwandelt sich die scheue Frieda in einen temperamentvollen, begeisterten Hund. Sie fordert den Welpen immer wieder zum Spiel auf und lässt sich absolut alles gefallen, was dieser in seiner Begeisterung mit ihr tut. So darf er mit großer Ausdauer immer wieder in ihre dichte Halsfellkrause springen und hinein beißen.
Ich nehme sie daraufhin mit in die Welpengruppe meiner Hundeschule.
Durch die Freude an den Welpen vergisst Frieda schnell auch ihre Angst vor den fremden anwesenden Menschen. Nach kurzer Zeit schließt sie Freundschaft mit den Kursteilnehmern und erntet große Bewunderung dafür, dass sie während des Trainings eisern auf ihrer Decke bleibt und diese nur auf meinen Zuruf in den Pausen verlässt. Da alle Welpenbesitzer ihren Hund gerade ebenso lange haben wie ich Frieda, ist dies ein Mutmacher für die frisch gebackenen Hundebesitzer.

Während Frieda bereits nach einem Monat auf jedes Führungssignal sehr genau achtet, gut an der Leine zu laufen gelernt hat, auf Zuruf sofort freudig kommt und an jeder Stelle bleibt, an der sie bleiben soll,
haben wir mit der einfachsten Sache der Welt ein Problem.
Sitz.
Platz war ein Kinderspiel. Pfötchen bot sie allein an. Und „Touch“ als hilfreiche Alternative unterwegs, um nicht zu Dingen zu schauen, die sie ängstigen, sondern den Kopf in meiner Handfläche zu bergen, klappte auch nach zwei Tagen.
Aber Sitz….
Jede Methode versagt.
Es ist nicht so, dass ich innerlich großen Wert darauf lege, dass meine Hunde Konditionierungen können müssen, die in der Hundewelt gar nicht vorkommen. Haben Sie je einen Hund gesehen, der zum anderen Sitz sagt?
Das wirklich Wichtige macht nach meiner Erfahrung die Führung aus, in der ein Hund mir entweder Kompetenz zuspricht oder nicht. In meinem russischen Hunderudel musste kein Hund Sitz oder Platz können. Das hätte uns in dem Dörfchen, in dem es weder Autos, noch sonst welche Gefahren gab, nur als Denksport genützt und alle Bauern amüsiert. Dafür mussten alle 10 Hunde ruhig bleiben können, wenn wir an einem aufgebrachten, fremden Hofhund vorbei gingen, oder die Hühner und Schafe in Ruhe lassen, die sich so schön als Jagdobjekte geeignet hätten.
In einer Großstadt jedoch erweist es sich oft als sehr nützlich, den Hund schnell in eine bestimmte Körperposition bringen zu können, um für seine Sicherheit zu sorgen.

Was mir noch gar nicht aufgefallen war; Frieda ist die Daseinsform des Sitzens offenbar völlig unbekannt. Als ich beginne, zu warten, dass sie sich hinsetzt, um genau dann „Sitz“ zu rufen, entdecke ich, dass sie überhaupt nur steht oder liegt.
Erst als ich sie auf ein Podest in der Küche locke, gelingt es mir, einen kurzen Moment nach dem Sprung zu erhaschen, den ich mit einem punktgenau über den Kopf gehaltenen Leckerli in eine sitzende Stellung umwandeln kann.
Ich mache dazu das Zeichen für „Sitz“ und tatsächlich, nun da Frieda die neue Haltungsvariante kennengelernt hat, verknüpft sie diese sofort mit meinem Zeichen. Dennoch schwingt sie jedes Mal, wenn ich den Finger hochhalte, zuerst verlegen den Kopf zur Seite und niest, weil ihr diese neue Körperhaltung offenbar so seltsam vorkommt, wie ein ausgeführter Hampelmann uns erscheinen würde. Sie setzt sich auch heute noch, acht Monate später, nie gerade hin, sondern immer schräg auf eine Pobacke und auch der kleine Kopfschwung ist geblieben. „Es ist zwar sehr albern, was Du da von mir verlangst, aber ich kann es natürlich!“ scheint ihr Blick zu sagen.
Wie genau Frieda die Welt wahrnimmt, bemerke ich nach ungefähr zwei Monaten, als Frieda nicht mehr durch die Brille der Angst schaut.
Wir gehen morgens den gewohnten Weg, als Frieda vor einer Häuserwand stehenbleibt und lange darauf blickt. Ich suche die Fensterfassade nach einem Hinweis ab, bis mir plötzlich klar wird, dass Frieda auf das Grafitti
schaut, das frisch an die Wand gesprüht wurde.

Ich komme in mein Zimmer und Frieda blickt konzentriert hoch zu meinem Esstisch. Nach zwei Minuten blickt sie noch immer auf dieselbe Stelle, bis mir einfällt, dass ich seit Monaten zum ersten Mal keine Blumen dort stehen habe. Am Nachmittag kaufe ich welche, stelle sie auf den Tisch und beobachte Frieda. Sie nimmt die Veränderung tatsächlich sofort bei ihrem Hereinkommen wahr, wirft einen kurzen Seitenblick auf die alte Ordnung und scheint sehr zufrieden. Ich brauche also keinen Merkzettel mehr. Ich habe ja Frieda.

Abends koche ich entweder mit einer oder mit zwei Pfannen eine Mahlzeit und ich lasse immer ein wenig zum Abschlecken darin, was eine große Freude der Hunde darstellt. (Besuch sei gesagt, dass ich die Pfannen danach gründlich reinige.)
Gibt es nur eine Pfanne, beansprucht diese Viktor. Gibt es zwei Pfannen, so ist die zweite für Frieda. Dass auch sie dieses Prinzip nach einer Woche verstanden hat, sehe ich daran, dass sie genau erfasst, mit wie vielen Pfannen ich koche, um danach zu entscheiden, ob sie bereits schlafen geht, oder noch wartet. Sie macht darin nie einen Fehler. Eine Pfanne heißt : Gute Nacht. Zwei Pfannen bedeutet: Es lohnt sich zu warten.

In der Hundeschule gibt es im Sommer wöchentlich fünf Kurse, die monatlich neu beginnen. Frieda merkt sich sofort, wer Kursteilnehmer ist und welcher fremde Hund von Gassigängern neugierig am Übungsgelände schnuppern kommen will. Sie reagiert sofort und kräht dem fremden Hund warnend zu, wegzubleiben. Sie hat dabei noch nie einen fremden Hund mit einem Kurshund verwechselt.

Frieda ist inzwischen freudig interessiert, wenn wir Hunde treffen und hat ein unglaublich feines Gefühl für Anspannung. So mag sie es überhaupt nicht, wenn ein Hund sich ihr mit einer sehr hohen Energie nähert. Stürzt dieser distanzlos auf sie zu, ertönt sogleich ihr Krähenlaut und der angespannte Hund erfährt eine souveräne Bewegungseinschränkung durch Friedas Breitseite. Einige Kiezhunde wurden von ihr bereits zur höflichen Annäherung mit Stehenbleiben, Beschwichtigung und kleinem Tänzchen erzogen. Andere machen jetzt einen Bogen um sie. So sanft Frieda ist, haben die meisten Hunde, doch großen Respekt vor ihr.
Auch Hunde, die wirklich nur spielen wollen, dies aber auf einem extrem verspannten Niveau beginnen, werden von Frieda nicht heran gelassen. Mitunter versucht sie die Anspannung einfach durch ruhiges Dastehen zu lösen und fordert, wenn dies gelingt, dann selbst den Hund zum Spielen auf. Mir ist durch Frieda noch deutlicher geworden, wie angespannt die meisten Hunde sind und wie Wenige die Vokabeln der Hundesprache flüssig und entspannt „sprechen“ können.

Das Interessanteste für mich ist jedoch, dass der blinde Viktor von Friedas starken Energiefeldern zu profitieren scheint.
Nähert sich zum Beispiel ein stürmischer Hund und Frieda bleibt stehen, bleibt auch Viktor stehen. Wartet Frieda am Straßenrand, stellt sich Viktor daneben, ohne dass ich etwas tun muss.
So habe ich jetzt punktuell einen Blindenhund für den blinden Hund.

Frieda ist inzwischen eine fröhliche, lebenslustige, sanfte und äußerst wache Hündin, die mit neugierigen Augen die Welt entdeckt und etwas von ihrer Art zu sehen, auch mich entdecken lässt.

Maike Maja Nowak (Nov. 2009)